Braunkohle- und Heimatmuseum Steinberg

Heimatkundlicher Arbeitskreis Steinberg am See

Geschichte der BBI (Bayerische Braunkohle Industrie)

 

Es begann bereits im Jahre 1800. Der Schneidermeister Andreas Schuster stieß beim Brunnengraben in Wackersdorf auf schwarze Erde, die der Ortspfarrer als Kohle erkannte. Folgende Versuchsabbaue (unter Tage!) führten zu keinem Resultat, so dass 1845 der Kohleabbau völlig eingestellt wurde, nicht zuletzt deswegen, weil man nur noch 1300 Zentner Kohle förderte und auch Absatzschwierigkeiten hatte. Im Jahre 1903 bzw. 1904 - ein Jahr nach Wiederbeginn der Braunkohlengewinnung im Südfeld Steinberg - wurde die „Bayerische Braunkohlen- und Brikett-Industrie Gewerkschaft Klardorf“ von Oberrentmeister Hugo Kösters und Bergwerksdirektor Josef Geller gegründet, die nach damals modernen Gesichtspunkten an die Hebung der Bodenschätze heranging. Am 5. Februar 1906 wurde dann die „Bayerische Braunkohlen- Industrie AG in Schwandorf“ aus der Taufe gehoben. Man konnte auf 135 Arbeiter, dreizehn Angestellte und zwei Lokomotiven mit je 40 PS verweisen. Erster Grubenaufseher war Anton Bauer, der inzwischen legendäre „Berggeist“.

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Harte Handarbeit der Bergleute in der Anfangszeit

Noch im Gründungsjahr wurde auch eine Brikettfabrik errichtet, die 1908 bereits bei einer Gesamtförderung von 313.000 Tonnen Kohle 71.000 Tonnen Briketts herstellte und zwischen 1954 und 1956 modernisiert, 1964 stillgelegt wurde. 1912 produzierte die BBI bereits 100.000 Tonnen Briketts und der Absatz von „Rohkohle“ kletterte auf über eine halbe Million Tonnen Kohle. Der Abbau der Kohle war nicht ungefährlich und in den 76 Jahren des Bestehens gab es nicht wenige tödlich verunglückte Bergleute, denen der Heimatkundliche Arbeitskreis Steinberg-Wackersdorf mit Unterstützung des Knappenvereins 2016 zum „Hundertjährigen“ der BBI mit der Bergmannsbüste vor dem Steinberger Braunkohlemuseum ein Denkmal gesetzt hat. Glück hatten die Kumpels beim ersten größeren Unglück, denn als 1907 die Südmauer des Kohlebunkers einstürzte, gab es nur deswegen keine Toten, weil man geistesgegenwärtig im nahe gelegenen und zum Teil unter den Trümmern „begrabene“ Kesselhaus die Notventile der sechs Dampfkessel öffnete und so eine Explosion verhinderte.

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Mit Dampfloks wurde die Kohle zum Kraftwerk Dachelhofen transportiert. Im Hintergrund die Brikettfabrik

Zu Beginn der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts bestand das Bergwerkseigentum aus elf auf Braunkohle verliehenen Feldern mit einem Gesamtflächeninhalt von 8355,62 Hektar. Im Märzheft der Zeitschrift „Das Bayernland“ finden wir 1924: “Die Abräumung des Deckgebirges geschieht maschinell mit einem sogenannten Lübecker B-Bagger…, der täglich zirka 2400 Kubikmeter Massen bewegt. Es ist dies ein großer Eimerketten-Trockenbagger, der als Tiefbagger arbeitet und eine Schnitttiefe von 14 Meter hat. Er kann also das 8-12 Meter betragende Deckgebirge in einem Schnitte nehmen“. In diese freigelegte Kohle arbeitete man sich mittels einer schiefen Ebene hinein und die Gewinnung der Kohle selbst erfolgte mit scharfen Keilhauen in sogenannten Schurren und nur im Akkord in Tag- und Nachtschichten. Fast 50 Jahre später – 1982 im Jahre der Schließung der BBI- waren 39 Tagebaufelder in der Naabtalsenke zwischen dem Fränkischen Jura und dem Bayerischen Wald rund um Wackersdorf/ Steinberg ausgebeutet.

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Die ersten Tiefbagger zur Kohlegwinnung werden eingesetzt

Der erste große Einschnitt in der Firmengeschichte war der 1. Weltkrieg, denn schon in den ersten acht Kriegsmonaten gab es einen Produktionsausfall von 40 Prozent. Von den 350 Beschäftigten mussten ungefähr 100 Mann einrücken, von denen rund ein Drittel nicht mehr in die Heimat und damit nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten. Auch ihrer gedenkt der Bergmann vor dem Steinberger Museum! Die reduzierte „Mannschaft“ wurde mit Kriegsgefangenen aus Frankreich, Italien und Russland „aufgefüllt“. Im letzten Kriegsjahr 1918 arbeiten etwa 250 Deutsche mit 470 Gefangenen, die die Kohleförderung durch große Arbeitsleistung steigerten. Eines hatten diese über 700 Arbeiter gemeinsam: die Beschaffung von ausreichend Nahrung! Nach Kriegsende konnte nicht genügend Kohle geliefert werden, obwohl man 1922 mit inzwischen rund 1000 Beschäftigten eine Million Tonnen Kohle förderte. Neben Kohleknappheit herrschte auch Wohnraumnot. So baute man die Arbeiter- und Beamtenkolonie Neu-Wackersdorf-West. Der nächste Rückschlag stand schon bevor: die Weltwirtschaftskrise, in der man sogar eigenes BBI- Geld drucken ließ, da man am Ende der Inflation für eine Schicht drei bis fünf Billionen(!!) Mark erhielt. Der Gewerkschaftsbeitrag betrug 500 Milliarden Mark, eine Halbe Bier kostete 150 Milliarden Mark. Ein Wahnsinn! Nach der Währungsumstellung (für eine Billion Papiermark gab es ab 1.12.1923 eine Reichsmark) führte die BBI als erstes Werk in Nordbayern die „Zwölfstundenschicht“ ein, wobei es für zehn Stunden Arbeit 3.50 Mark gab (zum Vergleich: die „Halbe“ kostete 24 Pfennig). Die Fabrikanlage in Wackersdorf bestand 1924 aus einer Brikettfabrik, Kesselhaus, Schmiede, Reparaturwerkstatt, Schreinerei, Schleiferei, Sägewerk, Gießerei, Schlachterei, Verwaltungsgebäude mit Büros, Wirtschaftsräumen und Konsum. Dieses „Grundgerüst“ bestand – verändert - bis zum Ende der BBI. Als ab 1928 in Schwandorf ein Kohlekraftwerk gebaut wurde, ging es steil aufwärts bei der BBI. Man investierte viel, förderte 1929 600.000 Tonnen Rohkohle. Aber unerwartet sank der Kohleabsatz – bedingt durch wirtschaftliche Zusammenbrüche - , so dass 1930 von den 850 Arbeitern 650(!) entlassen werden mussten. Das Kraftwerk nahm keine Kohle mehr ab, da der Verbrauch von 25,3 Millionen Kilowattstunden innerhalb eines Jahres auf 4.1 Millionen sank. 1933 gab es mit der Machtergreifung Adolf Hitlers die nächste Zäsur, aber es erholte sich nach der Weltwirtschaftskrise allmählich wieder der Betrieb. 1937 erzeugte das Werk in Dachelhofen bereits wieder 241 Millionen Kilowattstunden Strom mit Wackersdorfer Kohle. Die Beschäftigungszahl war wieder auf 600 gestiegen. Der Beginn des 2. Weltkrieges 1939 riss auch große Lücken in die Belegschaft: rund 200 BBI`ler mussten „einrücken“, von denen 49 den Tod fanden. Die Lebensmittel in der Heimat wurden rationiert, wobei es für die Bergleute Sonderrationen gab (Brot, Fleisch, Fett), die dennoch knapp waren. So „schmuggelte“ man neben der für den Eigenbedarf zustehenden Deputatskohle mit Taschen und Rucksäcken Kohle aus dem Werk, um sie bei den Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen. Wie im 1. Weltkrieg kamen auch in diesem Krieg Gefangene zum Einsatz. Am 23. April 1945 wurde Schwandorf bombardiert und schwer zerstört. Unter den vielen Toten waren auch BBI-Prokurist Kestenbach, Direktor Everding überlebte schwer verletzt. Im selben Monat besetzten die Amerikaner das Verwaltungsgebäude und beschlagnahmten vorübergehend die Produkte. Wie überall in Deutschland krempelte man die Ärmel hoch und begann am Wirtschaftswunder zu arbeiten. Bereits 1946 förderte die BBI wieder eine Million Tonnen Kohle, 1951 1,8 Millionen. 1950 waren in den Tagebaufeldern Steinberg – Ost, Westfeld, Ostfeld, Nordfeld ein Schaufelradbagger, ein Schwenkbagger, acht Greifbagger und ein Eimerkettenbagger im Einsatz. Zum Transport von Kohle und Abraum sind 22 Dampfloks und 235 Kastenkippwagen eingesetzt. Im selben Jahr werden die neuen Felder Steinberg und Loiblweiher geplant bzw. erschlossen. Interessant bei der jetzigen Diskussion um das Renteneinstiegsalter: der „Berggeist“ tritt nach 45 Dienstjahren mit 70 Jahren in den Ruhestand! Die Belegschaft war 1956 auf 1200 angewachsen, die zu fast 100% (!) in der IG Bergbau gewerkschaftlich organisiert waren. Die Brikettfabrik produzierte täglich 500 Tonnen Briketts. Ein einschneidendes Ereignis dieser BBI-Expansion war die Umsiedlung und „Vernichtung“ von Alt-Wackersdorf, beschlossen am 13.10. 1948. Wackersdorf zählte damals 1200 Einwohner. Da man zu Recht 17 Millionen Tonnen Kohle unter der Ortschaft vermutete, musste Alt-Wackersdorf weichen.

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Alt-Wackersdorf – ein idyllisches Dörfchen - muss dem Kohleabbau weichen

Mehr als 7 Millionen Mark kostete die Umsiedlung – „ein Abschied von der vertrauten Heimeligkeit und Häuslichkeit, in der viele Generationen gleichen Blutes gelebt und gewirkt haben…. Es war ein harter, schmerzlicher Abschied von der Heimat, die wohl meist ärmlich aussah. Aber sie strahlte eine Wärme aus…“ (vgl. Rappel-Chronik S. 16). 1953 wurde die alte Dorfkirche abgebrochen – die Umsiedlung abgeschlossen. Großgeräte hielten nach dem Krieg Einzug in die Wackersdorfer Arbeitswelt. Das Dampfkraftwerk in Schwandorf produzierte 1954 841 Millionen Kilowattstunden und brauchte nun jährlich zwei MillionenTonnen Kohle. Der Aufschluss der Südfelder bzw. des Tagebaus Steinberg –West hätte in Steinberg beinahe zu einem „zweiten Wackersdorf“ geführt. Aber der Ortskern rund um die Kirche blieb „bestehen“ – von Alt-Steinberg“ wurden 32 Häuser abgebrochen und die Bevölkerung umgesiedelt. 1959 wird das Feld Holzheim aufgeschlossen, nachdem zuvor der Ort restlos aufgelöst worden war und alle Häuser abgebrochen worden waren (heutiger Standort Nähe Yachtclub). Ein Jahr zuvor hatte man die Bahnstrecke nach Steinberg stillgelegt. Der BBI- Aufsichtsrat genehmigte ein großzügiges zusätzliches Bohrprogramm für das Feld Rauberweiher. Die Gemeinde Oder – flächenmäßig die größte im Altlandkreis Burglengenfeld – wurde 1961 „aufgeteilt“ in die heutigen Ortsteile Heselbach (Gemeinde Wackersdorf) sowie Oder (das ausgesiedelte Gasthaus Haller- siehe Bild), Spitalhaus, Hirmerleiten, Waldheim Haid (Gemeinde Steinberg am See). In Steinberg wird wegen Kippraum-Mangels der „Monte Waldemaro“ (benannt nach Waldemar Meyer) in der Nähe der Abwasserpumpstation errichtet, der über 20 Jahre später beim Bau des Regenüberlaufbeckens große Probleme bereitete. 1962 wird der Schaufelradbagger 6 mit einer Tagesleistung von 37.500 Kubikmetern gebaut, mit der Verkippung von Rotschlamm im Loiblweiher wird begonnen. 1963 wird mit 175000 Tonnen Briketts ein neuer Jahresrekord aufgestellt – auch bei der Belegschaft mit 1675 Mitarbeitern! 1968 wird der Oderer Damm zwischen Zentralfeld/Oswaldmulde (jetzt Knappensee) und Tagebau Oder (jetzt Steinberger See) fertig gestellt. Nach 22 Jahren Betriebszeit ist 1969 das Nordfeld endgültig ausgekohlt mit 17,2 Millionen Tonnen Kohle und 11, 1 Millionen Kubikmeter Abraumüberdeckung.

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Das Gasthaus Haller siedelte aus der Ortschaft Oder um. Im Hintergrund das Bayernwerk und die VAW

Im Übrigen trat schon anfangs der 50er Jahre vom Tagebau Steinberg- Ost die Förderbandtechnik ihren Siegeszug um die ganze Welt an. 1970 werden der Schaufelradbagger 4 und der Bandabsetzer 7 vom Tagebau Oder nach Rauberweiher bzw. Nordfeld transportiert. Beim Überqueren des Nordfeldes sinkt der SRB 4 in einer Humuskippe ein: drei Monate Bergungsarbeit! 1971 wird die Staatsstraße 2145 Schwandorf – Steinberg wegen des Tagebaus Oder I und II verlegt. Die BBI stellt über 20 Prozent der bayerischen Primärenergieerzeugung und ist damit zweitgrößte Braunkohlenförderer der Bundesrepublik Deutschland. 1973 ist auch ein „historisches“ Datum, denn der Wackersdorfer Bockl stellte den Personenverkehr zwischen Wackersdorf und Schwandorf (Haltestation gegenüber dem Krankenhaus) ein. Dieser Zug mit Holzbänken in den Abteils transportierte die Arbeiter aus der Stadt zur BBI (Haltestation gegenüber Verwaltungsgebäude), vor allem aber auch Steinberger und Wackersdorfer zum Einkaufen nach Schwandorf, zumal ganz in der Nähe ein Konsum war. Übrigens war der „Bockl“ 1939 in einen schweren Unfall verwickelt, denn beim Zusammenstoß mit dem Kohlenzug gab es Tote und Verletzte! Im Geschäftsjahr 1973/74 förderte die BBI fast acht Millionen Tonnen Kohle und bewegte fast 6,5 Millionen Kubikmeter Abraum. Doch am Horizont kündigten sich schon die ersten schwarzen Wolken an, weil allmählich durchsickerte, dass es mit der Auskohlung zu Ende geht. Eine weitere Förderung wäre zwar noch möglich, aber unwirtschaftlich. 1979 wird ein Sozialplan für die Betriebs- Stilllegung erstellt. Die Zeichen stehen überall auf Abschied: im Kraftwerk Dachelhofen wird auf tschechische Kohle umgestellt, Werkbahnhof, Lokschuppen und Gleisanlagen werden abgebrochen, das Bayernwerk übernimmt die Gruben- Anschlussbahn, die Rauberweiher- Mühle wird abgebrochen, die ersten Großgeräte werden verschrottet.

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Ein Bild mit Symbolkraft: ein Riese stirbt - der Schaufelradbagger 4 wird gesprengt

Der prophezeite “nahtlose Übergang“ fand nicht statt. Der Kampf um Nachfolgebetriebe endete im Kampf um die WAA, wo sich Gegner und Befürworter oft in der eigenen Familie gegenüber standen. Das Resultat ist bekannt: die geplante Wiederaufarbeitsanlage für abgebrannte Kernbrennstäbe wurde nicht erbaut, sondern im Taxöldener Forst entstand ein blühender Industriepark mit zukunftsträchtigen Firmen. Als am 21.9.1982 die letzte Tonne Kohle durch Schaufelradbagger 4 aus dem Tagebau Auweiher gefördert und damit sozusagen die „letzte Schicht gefahren“ wurde, hatte die BBI in 76 Jahren 36 Tagebaue erschlossen, 182,5 Millionen Tonnen Kohle gefördert, wobei insgesamt 21.250 Menschen aus 24 Orten beschäftigt waren (Berechnung Heinz Korn). In das Kraftwerk nach Dachelhofen hatte man 154,5 Millionen Tonnen Kohle zur Verstromung geliefert, womit 88 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt wurden. Und noch eines ist eine BBI-Hinterlassenschaft: aus der „Mondlandschaft“ entstand ein herrliches Seengebiet mit dem Steinberger See als größtem See Ostbayern und dem Murner See (insgesamt mit allen Seen 650 Hektar Wasserfläche) als touristische „Highlights“. In das Rekultivierungsprogramm wurden über 1000 Millionen Mark „gesteckt“, wobei alleine 15 Millionen Bäume gepflanzt wurden. Diese Entwicklung der BBI ist in den beiden Museen „Braunkohle- und Heimatmuseum Steinberg“ und „Heimat- und Industriemuseum Wackersdorf“ der Nachwelt erhalten. Neben den allgemeinen Öffnungszeiten sind nach Absprache jederzeit Führungen für Schulen, Vereine und Gruppen möglich. Außerdem gibt es einen bergbau-geologischen Wanderweg, der beide Museen miteinander verbindet. (Jakob Scharf)

 

 

Verwendete Literatur (im Museum käuflich zu erwerben):

  • Heinz Korn, Geschichte der Wackersdorfer Braunkohle
  • Jakob Scharf ,Chronik der Gemeinde Steinberg Chronik der Gemeinde Wackersdorf
  • Das „Bayernland“ Illustrierte Halbmonatschrift, 34. Jahrgang, Nummer 18, 1924
  • Josef Rappel, Chronik Wackersdorf

Museumswebsite gefördert durch:

Landesstelle für die nichtstaatlichen Mussen in Bayern
Bayerische Sparkassenstiftung