Braunkohle- und Heimatmuseum Steinberg

Heimatkundlicher Arbeitskreis Steinberg am See

Sechzig Jahre "Auflösung Oder"

Vor 60 Jahren gab es noch die Gemeinde Oder, die flächenmäßig die größte Landgemeinde im Landkreis Burglengenfeld war. Elf Jahre vor der Gebietsreform 1972 kamen die Gemeinderäte dem Freistaat Bayern zuvor und gliederten sich freiwillig in die Gemeinden Steinberg und Wackersdorf ein.

Wer heute von der größten begehbaren Holzkugel der Welt auf den Steinberger See schaut, weiß nicht mehr, dass darin die Orte Oder und Holzheim lagen. Bei dieser Auflösung kam Heselbach nach Wackersdorf, die übrigen Ortsteile Oder, Haid, Hirmerhaus, Holzheim, Jobsthof, Spitalhaus und Waldheim nach Steinberg...

Wirtshaus Haller

Ein Jahr zuvor hatte der Großteil der Bevölkerung die Eingliederung nach Steinberg beantragt, der Oderer Gemeinderat dies mit 5:2 beschlossen. Heselbach wollte als eigenständige Gemeinde mit damals 238 Einwohnern weiter bestehen, was das Ministerium als „Zwerggemeinde“ ablehnte und eine Eingliederung nach Wackersdorf anordnete. War also die Eingliederung nach Steinberg eine „Liebesheirat“, die nach Wackersdorf eine „Zwangsverheiratung“? Was auf den ersten Blick so scheint, kann nur bei genauerer Betrachtung richtig beurteilt werden. Was waren also 1961 die Gründe für die freiwillige Auflösung? In erster Linie wohl finanzielle Gründe, aber auch persönliche Animositäten zwischen Bürgermeister und Gemeindeschreiber. Im ein Jahr zuvor erstellten Wirtschaftsplan steht Verblüffendes, nämlich dass „die Gemeinde trotz der schon vorhandenen Schuldenlast die Geldmittel für die dringendsten Erschließungsanlagen bereitstellen kann“. Allerdings ist 1960 der Feuerschutz nicht gewährleistet, da eine zentrale Wasserversorgung fehlt und die Motorsspritze der FFW veraltet ist. Auch eine zentrale Abwasserentsorgung fehlte.

Bereits 1954 hatte der „Heselbacher Wasserkrieg“ für Schlagzeilen gesorgt. In diesem Jahr trat man seitens Oder an die Gemeinde Wackersdorf heran und bat um Erlaubnis, Heselbach an die Wackersdorfer Wasserversorgung anschließen zu lassen., denn man hatte ein neues Schulhaus, das man aber nicht eher eröffnen durfte, bis die Wasserversorgung geklärt sei. Doch Wackersdorf lehnte dieses Ansinnen zunächst ab. Die verzweifelten Oderer wandten sich an das Landratsamt Burglengenfeld, weil die BBI, die seit 1950 zweimal in der Woche mit Trinkwasserfahrzeugen Heselbach versorgt hatte, am 15.12.1955 diese Lieferung eingestellt hatte. Das Landratsamt hatte verfügt, dass Wackersdorf den Wasseranschluss dulden muss. Die Wackersdorfer wehrten sich vehement gegen den ihrer Meinung nach gravierendem Eingriff in das Selbstverwaltungsrecht. Und der Landrat ruderte zurück und meinte, dass „die sofortige Vollziehbarkeit nicht mehr gerechtfertigt“ sei. Jetzt war der“ Krieg“ zwischen Wackersdorfer und Oder voll entbrannt! So wurden die Gerichte bemüht. Die Klage Wackersdorfs gegen Oder wurde abgewiesen. Schließlich entschied man sich doch für einen Vertrag mit Oder. Man wollte bis zum 31.12.1961 Wasser liefern, bis Oder eine eigene Wasserversorgung aufgebaut hat. Wie erbittert dieser Wasserkrieg ausgetragen wurde, zeigt ein Bericht in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 3.1.1956:“Die Heselbacher hatten inzwischen zu graben begonnen und näherten sich bedrohlich der Wackersdorfer Leitung. Da erschien am 19.Dezember die Polizei auf dem Plan und sammelte ohne viele Worte das Werkzeug der Bauarbeiter ein... Der Landrat versuchte..., die beiden Parteien zu einer gütlichen Einigung zu bewegen, aber die Wackersdorfer gaben nicht nach. Sie erklärten sich lediglich bereit, die Nachbargemeinde mit Tankwagen zu beliefern. Zu einem Kubikmeterpreis von 2,50 Mark (in München 20 Pfennig!). Außerdem verlangten sie, dass die Oderer ihren Graben wieder zuschütten“. Als ein Wackersdorfer Gemeindearbeiter an Sylvester 1955 Wasserfässer in Begleitung von zwei Polizisten anliefern wollte, lehnten dies die ersten vier Häuser kategorisch ab und schickten ihn wieder zurück nach Wackersdorf. Auch diese Auseinandersetzung um das Wasser war sechs Jahre später mit ein Grund für die Auflösung von Oder. Die gegen Wackersdorf rebellierenden Heselbacher sind seit nunmehr 60 Jahren selber Wackersdorfer. Nach der Auflösung beantragte die Gemeinde Steinberg die Eingliederung der Schüler aus Oder, Waldheim, Spitalhaus, Holzheim und Haid in die Steinberger Schule. Dasselbe beantragten die Wackersdorfer für die Schüler aus Wackersdorf-Ost, so dass die Schülerzahl auf 46 sank und die Regierung die Schließung der nagelneuen Schule verfügte. Als am 7.Oktober 1961 Wackersdorfer Gemeindearbeiter Möbel abholen wollten, wurde er von der erregten Heselbachern regelrecht in die Flucht geschlagen. Heute fühlen sich die Heselbacher sehr wohl in der Gemeinde Wackersdorf und die Oderer in der Gemeinde Steinberg am See, die beide in einer Verwaltungsgemeinschaft „vereint“ sind und bestens harmonieren.